Bericht zur Lage der Welt 2011: “Hunger im Überfluss”
Lokale, landwirtschaftliche Innovationen entscheidend für Ernährungssicherung
(Berlin, 15. März 2011) Lokal angepasste, einfache und ökologisch nachhaltige Innovationen in der Landwirtschaft sind ein Schlüssel zum Abbau von Armut und Hunger. Das ist das Fazit des Berichts „Zur Lage der Welt 2011“ des führenden US-amerikanischen Umweltinstituts Worldwatch, dessen deutsche Ausgabe heute in Berlin vorgestellt wurde. Der Bericht plädiert für einen umgehenden Ausbau nachhaltiger landwirtschaftlicher Investitionen: Darunter die Finanzierung von Agroforstwirtschaft, Sortenvielfalt sowie agrarökologischer Forschung, die in den letzten Jahren massiv vernachlässigt worden sei.
Knapp eine Milliarde Menschen leide an Hunger und chronischer Unterernährung, und das obwohl niemals zuvor mehr Nahrungsmittel produziert worden seien, stellt der Bericht fest. Die lokale und globale Verteilung von Nahrungsmitteln sei äußerst ungerecht: Insbesondere in Afrika, wo das Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahren stark zunehmen werde, verschärfe sich Hunger und Unterernährung. Die weltweiten Preissteigerungen für Nahrungsmittel träfen vor allem die ärmsten Menschen weltweit.
Bei der heutigen Vorstellung des Berichts sagte Danielle Nierenberg, Agrarexpertin des Worldwatch Instituts und Hauptautorin des Buches: „Viele Regierungen setzen auf die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion durch Hochertragssorten oder Düngemittel. Aber für die Mehrheit der armen Bauern sind diese Methoden zu teuer oder einfach nicht verfügbar. Ein produktiver Wandel ist möglich, wenn man Kleinbauern durch einfache, aber entscheidende Innovationen stärkt – insbesondere die Frauen, die die Landwirtschaft in den meisten Ländern dominieren. Die Lösung besteht darin, Nahrungsmittel so zu produzieren, dass sie auch von Kleinbäuerinnen und -bauern verarbeitet und vermarktet werden können.“
Für mehr Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft plädierte Judi Wakhungu, Leiterin des kenianischen Think Tanks „African Centre for Technology Studies“ und Co-Direktorin des Weltagrarberichts (IAASTD): „Afrikanische Regierungen und internationale Geber müssen in Projekte investieren, die lokales und traditionelles Wissen mit neuen Technologien kombinieren. Für die Bekämpfung des Hungers in Afrika sind Investitionen etwa in die ökologische Agrarforschung entscheidend. Mit Hilfe der Agroforstwirtschaft könnten auf den weniger fruchtbaren Böden des Kontinents Erosion vermieden, die Fruchtbarkeit der Böden verbessert und der Ernteertrag gesteigert werden.“
Angesichts der akuten Preissteigerungen auf den Weltagrarmärkten forderte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, eine sofortige Kehrtwende in der EU-Agrarpolitik: „Es ist untragbar, dass wir unseren Bedarf an Agrarrohstoffen auf Kosten anderer Ländern decken und die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel in die Höhe treiben. Die EU zählt zu den größten Fleischexporteuren weltweit, aber nur, weil wir den größten Teil der Futtermittel aus dem Süden importieren und die ökologischen und sozialen Folgen unserer Fleischproduktion in andere Länder auslagern. Die EU muss endlich sicher stellen, dass ihre Agrarpolitik eine ökologische und faire Produktion fördert und nicht den Tierfabriken nutzt, die ihre Tiere mit Soja aus Brasilien oder Argentinien füttern.“
Auch aus Sicht des Klimaschutzes sei eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik dringend notwendig, ergänzt Tilman Santarius, Vorstandsmitglied von Germanwatch: „Vor allem durch eine intensive Fleischproduktion trägt die Landwirtschaft bedeutend zum Klimawandel bei. Dabei könnten nachhaltige Produktionssysteme wie die Weidehaltung der Atmosphäre sogar klimaschädliche Gase entziehen.“
Entwicklungsetat soll im Jahr 2012 um 1,8 Prozent steigen / DSW: “Schlag ins Gesicht für die Menschen in Entwicklungsländern” | Deutsche Stiftung Weltbevölkerung | Presseportal.de
Die im Kabinett verabschiedeten Eckwerte für den Haushaltsplan 2012 sehen vor, dass der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ um 1,8 Prozent auf 6,333 Milliarden Euro steigen soll. Das entspricht einer Erhöhung um rund 110 Millionen Euro.”Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen in Entwicklungsländern”, sagt Renate Bähr, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung DSW. “Die 1,8 Prozent würden noch nicht einmal die Inflation von zuletzt 2,1 Prozent abdecken. Wenn der jetzt vorgelegte Entwurf umgesetzt wird, entfernt sich die Bundesregierung immer weiter von dem Ziel, bis zum Jahr 2015 die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens zu steigern.” Zu diesem Ziel haben sich die Industrienationen einschließlich Deutschland vor mehr als 40 Jahren verpflichtet. Im Jahr 2009 hat Deutschland nur 0,35 Prozent aufgebracht. “Um die internationalen entwicklungspolitischen Verpflichtungen einzuhalten, muss die Bundesregierung die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit deutlich erhöhen statt sie real zu senken.”
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