Aktuelle postkoloniale Aktivitäten in Berlin

Aktuelle postkoloniale Aktivitäten in Berlin

Im öffentlichen Raum von Berlin finden sich eine hohe Anzahl kolonialer Spuren. Postkoloniale Auseinandersetzungen versuchen eine kritische Aufarbeitung anzuregen und auf Diskurse Einfluss zu nehmen. In Berlin fanden in den letzten Monaten dazu viele Aktivitäten statt – ein kurzer Überblick.

Postkolonialismus bietet als eine politische, kulturelle und philosophische Theorie viele Facetten. Ein postkolonialer Schwerpunkt in den letzten Jahren ist die Identifizierung kolonialer Artefakte und Spuren im öffentlichen Raum früherer Kolonialländer. Vorhandene koloniale Bezüge im öffentlichen Raum manifestieren und zementieren traditionelle Denkmuster, rassistische Stereotypen und Alltagsrassismen. Gerade in Berlin – nicht umsonst als „Kolonialmetropole“ bezeichnet – finden in den letzten Jahren verstärkt Bemühungen einer kritische Aufarbeitung statt.

Ein Ausdruck postkolonialer Erinnerungs- und Aufarbeitungskultur war die Kampagne „125 Jahre Berliner Afrikakonferenz” 2009/2010, die eine große Vernetzung postkolonialer Akteure bewirkte und eine Bandbreite von Aktivitäten katalysierte und kanalisierte. Aber auch andere aktuelle Aktivitäten bemühen sich, die koloniale Vergangenheit in Berlins Gegenwart zu thematisieren und aufzuarbeiten.

Von “Gröbenufer” zu “May-Ayim-Ufer”

Zum Abschluss der Kampagne „125 Jahre Berliner Afrikakonferenz“ kam es zu einer – zum damaligen Zeitpunkt symbolischen – Umbenennung des Gröbenufers in May-Ayim-Ufer. Der Name Otto Friedrich von der Gröben´s, mitverantwortlich für den Kurbrandenburgischen Sklavenhandel, wurde durch die afrodeutsche Akademikerin und Dichterin May Ayim (1960–1996) ersetzt. Dadurch wird eine Frau geehrt, die auf die unaufgearbeitete koloniale Vergangenheit aufmerksam machte und gegen Vorurteile und Klischees kämpfte. Mit der erstmaligen Umbenennung von Straßennamen mit kolonialem Bezug ging ein Signal zum neuen Umgang mit Berlins kolonialer Vergangenheit aus. Die Umbenennung selbst wurde von konservativer Seite nicht kommentarlos hingenommen.

Gedenkstein zum Völkermord an den Herero

Seit vielen Jahren fordern entwicklungspolitische Organisationen, dass der so genannte „Afrika-Stein“ (früher „Herero-Stein“) auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin-Neukölln durch eine kritische Gedenktafel ergänzt wird. Im Oktober 2009 wurde auf Beschluss der BVV Neukölln ein Gedenkstein für die „Opfer der deutschen Kolonialherrschaft“ eingelassen. Zwar ist das durchaus zu begrüßen, gleichzeitig haben mehrere zivilgesellschaftliche Gruppen die Formulierung kritisiert. Statt des Wortes „Völkermordes“ wurde der Begriff „Kolonialkrieg“ für die Gedenktafel gewählt, was als eine fehlende Anerkennung kolonialer Verbrechen gewertet wird.

Erinnerungskonzept für das „Afrikanisches Viertel“

Im Afrikanischen Viertel im Berliner Bezirk Wedding findet sich eine hohe Anzahl kolonialer Bezüge im öffentlichen Raum. Aktuell hat sich die SPD-Mitte für ein umfassendes Erinnerungskonzept im Afrikanischen Viertel ausgesprochen. Eine besondere Rolle spielen dabei die Umbenennungen des Nachtigalplatzes, der Lüderitzstraße und der Petersallee, die an Kolonialpioniere erinnern und mit dem heutigen demokratischen und antikolonialen Verständnis nicht mehr vereinbar sind. Erst Anfang 2010 hat eine Gruppe zivilgesellschaftlicher Gruppen die Umbenennung der Lüderitzstraße gefordert.

Diese postkolonialen Aktivitäten ergänzen zwei bereits vorhandene kolonialen Mahnmale in Berlin: Die Gedenkstele in der Wilhelmstraße in Erinnerung an die Konferenz von 1884/85 und der Stolperstein für Mahjub bin Adam Mohamed.

Von Andreas Bohne

(Foto Straßenumbennung: Andreas Bohne)

Weitere Informationen unter:

http://www.freedom-roads.de

http://ber-ev.de/?Positionen/KolonialesErbe

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