„Land Grabbing“ in Afrika

„Land Grabbing“ in Afrika

Seit geraumer Zeit steht das Thema „land grabbing“ im Mittelpunkt des Interesses. Großflächiger Landkauf oder –pachtung ausländischer Investoren findet neben Asien vor allem in Afrika statt. Noch ist es unklar, wie die Wirkungen aussehen werden, aber tendenziell werden die negativen Effekte bestimmend sein. Aus Sicht der Entwicklungspolitik gilt es entsprechend Regeln zu fordern und die lokale Bevölkerung zu unterstützen.

Ökonomen gehen bei der Erklärung wirtschaftlicher Vorgänge von knappen Gütern aus, welche Angebot und Nachfrage bestimmen. Aufgrund der zunehmenden Weltbevölkerung, Landnutzungskonflikten und ökologischer Belastungen wird auch landwirtschaftlicher Boden immer mehr zu einem knappen Gut und rückt somit immer stärker ins ökonomische Interesse. In diesem Zusammenhang ist auch „land grabbing“ einzuordnen, das zunehmend in den Fokus gerät.

Großflächige Landkäufe und -pachtungen
Unter „land grabbing“ wird der großflächige Kauf oder die Pacht von Agrarflächen durch staatliche Akteure und private Investoren, sowohl aus Industrie- als auch aus Schwellenländern, durch ausländische Direktinvestitionen verstanden (BMZ 2009: 3). Drei hauptsächliche Ziele stehen hinter diesen großflächigen Landkäufen und –pachten:

  • Ernährungssicherung in den investierenden Ländern, die aufgrund der Importabhängigkeit von Nahrungsmitteln und der Reduzierung von schwankenden Weltmarktpreisen die eigene Versorgung sichern wollen;
  • Großflächiger Biomasseanbau zur energetischen und stofflichen Nutzung mit überwiegend Investoren aus Industrieländern, die Flächen als auch geringe Produktionskosten in Entwicklungsländern ausnutzen;
  • Sicherung von Wasserrechten, um den Nahrungs- und Energiepflanzenanbau zu sichern.

Situation in Afrika
Verglichen mit anderen Regionen sind insbesondere afrikanische Länder von großflächigen Landverkäufen und –verpachtungen betroffen: Angola, Äthiopien, Kenia, Demokratische Republik Kongo, Republik Kongo, Madagaskar, Mali, Mosambik, Sambia, (Süd-) Sudan und Tansania. Das sind Länder, welche überwiegend Nahrungsmittelimporteure sind, Länder mit hoher ländlicher Armut und Nahrungsunsicherheit.

Bezogen auf die verkauften und verpachteten Flächen – bzw. zurzeit zu verhandelten Flächen – zeigt sich eine hohe Unsicherheit und Intransparenz. Nach der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen sind seit 2004 2,5 Millionen Hektar (ha) Land in Äthiopien, Mali, Madagaskar, Sudan und Ghana verkauft worden. Andere Quellen sprechen von bis zu 30 Millionen ha in Afrika bzw. 22 Millionen Hektar global.

Interessierten sich anfangs überwiegend Investoren aus Industrieländern, welche vor allem Agrarflächen für den Anbau von Energiepflanzen suchten, sind es zunehmend auch ostasiatische Staaten wie China sowie arabische Länder. Primäres Ziel dieser Länder ist der Anbau von Nahrungsmittel für die eigene Versorgung. Daneben gilt Boden als zunehmendes knappes Gut als ein Anleger- und Spekulationsgut. Mit Blick auf die gegenwärtige Finanzkrise und mittelfristig steigenden Agrarpreise steht zu befürchten, dass das Interesse weiter steigen wird.

Ungefähr 60% der Vorgänge von Landverkäufen und –pachten in Afrika haben einen Nord-Süd-Hintergrund, während die restlichen 40% einen Süd-Süd-Hintergrund besitzen. Dabei treten vor allem privatwirtschaftliche Akteure auf, aber auch staatliche und halb-staatliche Akteure. Wenn staatliche Akteure zwar nur zu geringem Maße direkt involviert sind, so wirken sie durch Diplomatie, Verhandlungen und finanziellen Unterstützung unterstützend.

Bekanntes Beispiel in Afrika waren die Landkaufverträge des südkoreanischen Daewoo Logistics in Madagaskar im Jahr 2008. Der Leasing-Vertrag sicherte dem Konzern 1,3 Millionen Hektar – und somit die Hälfte des fruchtbaren Bodens des Landes – über einen Zeitraum von 99 Jahren. Der nach innenpolitischen Turbulenzen an die Macht gekommene neue Präsident hat deshalb den Vertrag rückgängig gemacht. Weitere Beispiele sind die Nutzung von 400.000 ha von Farmland im Südsudan durch die US-Investmentfirma Jarch Capital. Oder in Mocambique ist es das indische Unternehmen Varun Agriculture SARL.

Land Investor Fläche Landnutzung Status des Vertrages
Angola Lonrho (GB) 25 000 ha gepachtet Reis unterzeichnet
Demokratische Republik Kongo China (ZTE International) 2.8 Mio. ha Agrartreibstoffe, Palmölplantage unterzeichnet
Kamerun Unbekannte Investoren (China) 10 000 ha Reis Vertrag realisiert
Mosambik Sekab (Schweden) 100 000 ha Agrartreibstoffe Unbekannt
Republik Kongo AgriSA (Süd-Afrika) 8 Mio. ha wurden demBauernverband angeboten Unbekannt verzögert
Sudan Südkorea 690 000 ha Getreide unterzeichnet
Tansania Saudi Arabien 500 000 ha Unbekannt angefordert

Ausgewählte Beispiele großflächiger Landkäufe und Landpachten in Afrika
Quelle: BMZ 2009: 15-16.

Die Marginalisierung von Kleinbauern steht zu befürchten
Mit großflächigen Landverkäufen und –verpachtungen sind auch Hoffnungen auf positive Nebeneffekte verbunden. Dazu zählen die Stärkung der lokalen Wirtschaft, Investitionen in Bewässerungssysteme und landwirtschaftliche Technologie oder weitergehende ausländische Direktinvestitionen. Insbesondere für den Agrarsektor könnten positive Effekte entstehen, wenn der kleinbäuerliche Sektor an Technologietransfer und Innovationen beteiligt wird, und dies positive Folgen für die ländliche Entwicklung bringt, oder Kleinbauern in Absatzmärkte einbezogen werden. Jedoch sind diese Effekte empirisch noch nicht belegt.

Im Gegenteil, die Wirkungen müssen überwiegend kritisch eingeschätzt werden. Es steht zu befürchten, dass Kleinbauern in betroffenen Gebieten marginalisiert werden – sowohl als lokale Produzenten verdrängt und als Konsument durch ansteigende (lokale) Nahrungsmittelpreise betroffen sind. Die Ernährungssituation wird sich dadurch weiter verschlechtern. Ungeklärt sind auch mögliche ökologische Auswirkungen wie Umweltzerstörungen, z.B. durch Wasserverbrauch, die Rodung von Waldgebieten oder die Übernutzung von Grenzstandorten. Die Biodiversität könnte abnehmen, Tier- und Pflanzenarten aussterben.

Des weiteren fehlt häufig ein rechtlicher und institutioneller Rahmen, die Regelungen und Verträge sind nicht gleichberechtigt, weil sie oftmals auf das Interesse der Investoren ausgerichtet sind. In bekannten Fällen – wie in Äthiopien – wurden Flächen angeboten, die offiziell als ungenutzt bezeichnet wurden, obwohl sie für shifting cultivation (Wanderfeldbau) und für Beweidung zur Trockenzeit genutzt werden.

Angesichts der zu befürchteten Ausmaße kann es zu einer (neo)kolonialen Landnahme und zu einem Revival der Plantagenökonomie kommen.

Sicht der Entwicklungszusammenarbeit und -politik
Viele Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sehen „land grabbing“ sehr kritisch. Aus Sicht der Entwicklungspolitik und –zusammenarbeit gilt es, Raum für politische Debatten zu schaffen, um Vor- und Nachteile der Landnahme im öffentlichen und partizipativen Rahmen zu diskutierten. Sobald Landverkäufe und –verpachtungen die regionale Ernährungssicherheit bedrohen, muss diese Problematik thematisiert werden. Es muss auf das Paradox aufmerksam gemacht werden, dass Landverkäufe das theoretische Bekenntnis einer Verminderung des Hungers ad acta führen.

Daneben gilt es institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen in den Ländern zu verbessern – für Regierungen, die Zivilgesellschaft und die lokale Bevölkerung. Regierungen müssen unterstützt werden, um in eine bessere Verhandlungsposition gesetzt zu werden. Die Zivilgesellschaft sollte gefördert werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Die lokale Bevölkerung muss unterstützt werden, um bestehende Rechte zu verteidigen und die Position gegenüber Investoren und Regierung entsprechend zu vertreten.

In dem Zusammenhang müssen internationale Standards bezüglich Umwelt, Ernährungssicherheit und Sozialverträglichkeit geschaffen werden, wie es z.B. das International Institute for Environment and Development (IIED) fordert. Fragen der Verfügungsrechte der lokalen Einwohner gilt es zu respektieren, ebenso müssen transparente Verträge der Verkäufe und Verpachtungen vorhanden sein. In einem Diskussionspapier hat sich aktuell auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu dem Thema positioniert, Probleme und Potenziale dargestellt und ähnliche Strategien angesprochen. So wird ausgeführt, dass der großflächige Erwerb oder Pacht von Land dann vorteilhaft sein kann, wenn sich an armutsmindernden Zielen orientiert wird sowie ökologische und soziale Maßnahmen durchgeführt werden. Insgesamt sollte sich an sechs Grundprinzipien – Partizipation und Transparenz der Verhandlungen; Anerkennung bestehender Rechte; Kompensation; Gerechte Teilhabe am Nutzen der Investition; Nachhaltigkeit; Menschenrecht auf Nahrung – orientiert werden. Spekulatives und auf kurzfristigen Ertrag ausgelegtes „land grabbing“ gilt es einzudämmen.

Daneben muss auf wissenschaftliche Studien gedrängt werden, die noch nicht – oder kaum – vorhanden sind, um die Effekte großflächigen Landkaufs bzw. –pacht zu untersuchen. Erst dann kann angemessen reagiert werden.

Von Andreas Bohne

Quellen und weiterführende Literatur:
BMZ – Entwicklungspolitische Positionierung zum Thema: Großflächige Landkäufe und -pachten in Entwicklungsländern – „Land Grabbing“. Diskussionspapier. BMZ Diskurs 014. Bonn, 2009.

Cotula, L.; Vermeulen, S. – ‘Land Grabs’ in Africa: can the deals work for development? IIED Briefing Paper, 2009.

Stephan, H.; Lobban, R. – Der neue Wettlauf um Afrika. Neokoloniale Landnahme bedroht Souveränität und Ernährungssicherheit. In: INKOTA und BER (Hrsg.): Der Kolonialismus und seine Folgen. 125 Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz. INKOTA-Dossier 5, Berlin, 2009, S. 20-22.

Bild: afromusing

About the Author