Land grabbing – Kontinuität oder neues Phänomen?

Großflächige Landnahmen stehen zurzeit im Mittelpunkt entwicklungspolitischer Diskussionen. Dabei ist „land grabbing“ kein neues Phänomen, sondern überwiegend die Kontinuität (neo)kolonialer und neoliberaler Politiken. Der aktuelle Umfang bringt es jedoch wieder in die Öffentlichkeit.

Aktuell wird in den Medien, in Forschungsberichten und insbesondere unter entwicklungs- und zivilgesellschaftlichen Gruppen das Thema „land grabbing“ intensiv diskutiert. Land grabbing wird überwiegend als großflächiger Kauf oder Pachtung fruchtbarer landwirtschaftlicher Fläche durch ausländische Investoren definiert. Dabei agieren sowohl staatliche, parastaatliche als auch private Investoren. Als Folge der großflächigen Landnahmen sehen Kritiker insbesondere die Gefahr von Landkonflikten und die Verdrängung der lokalen Bevölkerung, mit der Folge einer weiter abnehmenden Ernährungssicherung.

Mit der aktuell zu verzeichnenden Zunahme stellt sich aber auch die Frage, ob es sich um ein neues Phänomen handelt. Denn großflächige Landnahmen sind kein Ereignis der letzten zwei bis drei Jahre. Eindrückliches Beispiel ist die Reifenfirma „Firestone“, der seit 1926 eine große Gummi-Plantage in Liberia gehört. Oder südafrikanische Farmer, die bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre Interesse an großen Landflächen im südlichen Afrika zeigten. Andere Fälle früherer großflächiger Landnahmen mit der Marginalisierung von Kleinbauern gibt es aus Kenia oder durch ausländische Investitionen in Indonesien. Standortvorteile, billige Arbeitskosten oder Hilfe von Regierungen in den Zielländern unterstützten diese Landnahmen und sind gegenwärtig ebenso ein Argument für Investoren.

Zwischen Kontinuität und neuem Phänomen bewegt sich land grabbing, wenn es im Spiegel (neo)kolonialer Attitüden gesehen wird. So kann land grabbing als neokoloniale Landnahme interpretiert werden; als Kontinuität oder Wiederaufleben kolonialer Muster gewertet werden. Koloniale Landnahme wurde oftmals durch kriegerische Expansion, aber auch durch „getäuschte“ Verträge, forciert. Asymmetrische Verhandlungsmuster zwischen Investoren, Regierungen und betroffener Bevölkerung sind auch heute wieder ein Merkmal der land deals. Wenn Grundbesitz, wie insbesondere in Lateinamerika, transnationalisiert ist, nehmen die Widerstandsmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung ab.

Befürworter wie die Weltbank sehen durch Investitionen, Technologietransfer und Produktivitätssteigerungen die Landnahme in einem positiven Licht. Auch koloniale Landnahme wurde mit dem Beitrag zur Entwicklung und Fortschritt gerechtfertigt, mit einer Intensivierung des „unternutzen Bodens“.

Koloniale Landnahme diente dazu, die Metropole mit Nahrungsmitteln zu versorgen, aber auch Anlagemöglichkeiten für das Kapital bereitzustellen. Das gilt aktuell genauso. Während Investoren aus dem arabischen und asiatischen Raum vor allem die Nahrungsmittelversorgung ihrer Länder unabhängiger machen wollen, spielt bei amerikanischen und europäischen Investoren der Anlage- und Spekulationshintergrund eine bedeutendere Rolle.


Viele Zielländer des aktuellen land grabbings sind ehemalige Kolonien. Gleichzeitig sind jetzt Investoren aus Ländern unterwegs, die selbst unter dem europäischen Kolonialismus kolonisiert wurden. Was land grabbing zu einem aktuellen Phänomen mit neuen Facetten macht, ist vor allem der Umfang der Landnahme der in den letzten Jahren zu beobachten ist. Der Umfang schwankt nach Quelle zwischen 15 bis 50 Millionen Hektar in Asien, Afrika und Lateinamerika.

Der derzeitige Landnahme-Boom muss analysiert und kritisiert werden. Er kann jedoch nicht als ein kurzfristiges Ereignis reduziert und analysiert werden, sondern in eine Kontinuität zu vergangen Politiken gesetzt werden. Es ist deshalb auch nicht zu erwarten, dass nach dem gegenwärtigen Boom Änderungen eintreten. Im Gegenteil: Durch die langfristigen Laufzeiten der Pachten und Käufe werden die Folgen noch in langer Zeit zu spüren sein und eine Abhängigkeit auf Jahrzehnte zementiert.

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