Welternährungstag am 16. Oktober: Ländliche Entwicklung als Schlüsselbereich der Entwicklungszusammenarbeit

Am 16. Oktober ist Welternährungstag. Zeitgleich veröffentlicht die Food and Agriculture Organisation (FAO) der UNO neueste Zahlen zum Welthunger: Rund eine Milliarde Menschen leiden an Hunger – so viele, wie seit 1970 nicht mehr. Die Förderung ländlicher Entwicklung könnte diesen Umstand beheben.

Der Welternähungstag steht in diesem Jahr unter dem Thema „Achieving food security in times of crisis“ – „Ernährungssicherheit in Zeiten der Krise erreichen“. Jedoch ist an eine Ernährungssicherheit für große Teile der Weltbevölkerung nicht zu denken. Das 1. Millenniumsziel der Vereinten Nationen, die Zahl armer und hungernder Menschen weltweit bis 2015 zu halbieren, scheint in weite Ferne zu rücken. Im Gegenteil, entgegen der angestrebten Reduzierung, durchbrach nach den Schätzungen der FAO die Anzahl der Hungernden in diesem Jahr sogar die Milliardengrenze. Armut und Hunger sind ein Kreis aus dem nur schwer auszubrechen ist.

Armut ist vor allem ein ländliches Problem

Trotz der vorherrschenden Migration in Städte und der Entstehung von sogenannten Megacities wie Kairo (Ägypten), Lagos (Nigeria) oder Mumbai (Indien) lebt die Mehrheit der Bevölkerung in den Entwicklungsländern immer noch in ländlichen Gebieten. Und hier sind die Armut, die Unterernährung und der Hunger besonders groß. Ursachen können dafür vielfältig sein, wie begrenzte Ressourcen, auftretende Dürren, mangelnde Produktivität, fehlende lokale Märkte oder ungleiche Handelsbeziehungen. Es erscheint als ein Paradox, dass die Haushalte, die direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängen, am Stärksten von Hunger betroffen sind.

Worin liegen die Ursachen für die Armut?

Als Ursachen für die bestehende, aktuell ansteigende, Armut können vornehmlich drei Punkte identifiziert werden: Erstens, die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise, die zu sinkendem Einkommen und Arbeitslosigkeit unter den Betroffenen führt. Zweitens, die seit einigen Jahren ansteigenden Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt, für die drei hauptsächliche Gründe angeführt werden können: Die Nachfrage nach Nahrungsmittel durch aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien, die kontinuierliche Bevölkerungszunahme sowie die Verknappung und Konkurrenz um die Ressource Boden insbesondere durch Biomassenanbau, welche eine Angebotsausweitung der Nahrungsmittelproduktion verhindert. Auch in den nächsten Jahren wird dadurch mit ansteigenden Nahrungsmittelpreisen gerechnet.

Als dritte Ursache kann die auf Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank durchgeführte Politik der geforderten Liberalisierung und Strukturanpassung seit Mitte der 1980er Jahre ausgemacht werden. Politikmaßnahmen wie Subventionsreduzierung für Dünger und Abbau von Handelshemmnissen führten in vielen afrikanischen Ländern zu der gegenwärtigen Situation: geringe Wachstumsraten der Agrarwirtschaft und zunehmende ländliche Armut. Ferner zeigt sich, dass die Entwicklungsländer bis Mitte der 1990er Jahre noch landwirtschaftliche Exportländer waren, jedoch mit Beginn der zunehmenden Liberalisierung zu landwirtschaftlichen Importländer geworden sind. Konnten davon vielleicht städtische Konsumenten profitieren, war das verheerend für ländliche Produzenten.

Rolle der Agrarwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit und Politik

Organisationen der UNO (World Food Programme – WFP; Food and Agriculture Organisation – FAO) und der entwicklungspolitischen Szene befassen sich seit langem explizit mit der Rolle der Landwirtschaft. Wurde in den letzten Jahrzehnten die Rolle der Landwirtschaft für die Entwicklung, insbesondere in Sub-Sahara Afrika, vernachlässigt, lässt sich aktuell eine zunehmende Bedeutung der Agrarwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit und in der internationalen Politik feststellen. Das führt dazu, dass die Agrarwirtschaft wieder zunehmend anerkannt und vermehrt gefördert wird.

Ein Beispiel ist die Weltbank, die in ihrem jährlichen erscheinen Report für 2008 den Schwerpunkt „Agrarwirtschaft für Entwicklung“ wählte. Hierin wurde die Rolle der Landwirtschaft für die Armutsreduzierung und nachhaltige Entwicklung betont. Es ist zu begrüßen, dass der Bericht die erste tiefergehende Analyse der Agrarwirtschaft der Weltbank seit einem Vierteljahrhundert darstellt. Der Report ermittelt Strategien für unterschiedliche Ländergruppen und beinhaltet vielfältige Aspekte wie die Rolle von Infrastruktur, ökologische Nachhaltigkeit oder Stärkung von Governance (d.h. Regierungsführung).

Gleichwohl wird die Fortführung marktliberaler Reformen weiter gefordert, jedoch staatliche Unterstützung durch Investitionen und Subventionen, wie sie von Industrieländern praktiziert werden, nicht bemängelt. Das „Recht auf Nahrung“ als Menschenrecht wird nicht behandelt. Auch gehen die besprochenen Themen kaum über Punkte hinaus, die in anderen Strategiepapieren von entwicklungspolitischen Akteuren besprochen werden.

Von Bedeutung für die Entwicklungszusammenarbeit ist der Bericht International Assessment of Agriculture Knowledge, Science and Technology for Development aus dem Jahr 2008, besser bekannt als der “Weltagrarbericht“. Erarbeitet wurde dieser von MitarbeiterInnen von internationalen Organisationen, Regierung und WissenschaftlerInnen.

Mit dem Ausgangsgedanken, dass die industrielle Landwirtschaft das bestehende Problem von Hunger und Armut nicht lösen kann, betonen die Autoren die Wirksamkeit und Förderung von kleinbäuerlichen und agrar-ökologischen Anbaumethoden. Dazu gilt es traditionelles Wissen einzubeziehen und die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer zu stärken.

Problematisch wirken neben der Kontinuität verfehlter Politiken auch die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit politischer Maßnahmen. Während des G8-Gipfels in L’Aquila/ Italien 2009 wurde beschlossen, anstatt Nahrungsmittel in Hungergebiete zu senden und somit die lokalen Märkte zu zerstören, die landwirtschaftliche Produktion durch Hilfe zur Selbsthilfe zu verbessern. Was sich positiv anhört, ist aber problematisch: Insgesamt sollen dazu 20 Mrd. Euro bereit gestellt werden. Dieser Umfang wurde von vielen NGOs der Entwicklungszusammenarbeit und Hilfsorganisationen als zu gering genannt. Außerdem soll es sich nicht um zusätzliches Geld handeln, sondern überwiegend um bereits zugesagtes Geld, welches über einen Zeitraum von drei Jahren ausgezahlt werden soll. Damit scheint sich die Tradition von Versprechungen zur Bereitstellung von Geldern zur Verbesserung der ländlichen und agrarischen Entwicklung fortzusetzen. Auch auf dem Ernährungsgipfel in Rom im Juni 2008 wurden Zahlungen versprochen und nur ein kleiner Teil wurde tatsächlich ausgezahlt.

Ländliche Entwicklung als Ziel der Entwicklungszusammenarbeit

Ein Ziel der Entwicklungszusammenarbeit muss die Entwicklung der kleinbäuerlichen Agrarwirtschaft sein. Sie bildet das Rückgrat der ländlichen Ökonomien und besitzt die Schlüsselrolle zur Überwindung von Armut und Hunger. Produktionswachstum steigert die lokale Nahrungsverfügbarkeit, die Beschäftigung und das Einkommen landwirtschaftlicher Haushalte. Dementsprechend verbessert sich der Zugang zu Nahrung, aber auch zu anderen Gütern. Durch Erhöhung der Produktivität wird dazu beigetragen, die Nahrungsmittelpreise zu verringern. Jedoch muss beachtet werden, dass durch moderat ansteigende Nahrungsmittelpreise Produzenten langfristig auch profitieren können.

Entwicklungszusammenarbeit kann jedoch nur wirksam werden, wenn politische Rahmenbedingungen, wie fairer Handel, bestehen. Eine kleinbäuerliche Agrarwirtschaft kann sich bei der weitergehenden assymetrischen Liberalisierung des Agrarhandels, die den Abbau von Zöllen in den Entwicklungsländern voraussetzt nicht entwickeln, wenn subventionierte Nahrungsmittel der Industrieländer lokale Märkte zerstören. Beispiele wie Hühnchen und Tomaten aus Europa in Ghana belegen dies eindrucksvoll. Und was nützen die steigenden Nahrungsmittelpreise den Produzenten in den Entwicklungsländern, wie teilweise argumentiert wird, wenn die Produzenten mit den Landwirten aus den Industrieländern nicht konkurrieren können.

Gleichzeitig müssen aber auch Produzenten einen Großteil ihres Einkommens für weitere Nahrungsmittel als Konsumenten ausgeben. Dementsprechend müssen staatliche Unterstützungen in Form von Subventionen und Kredite mit geringen Zinsraten für Dünger und Materialen bereitgestellt werden. Ebenso gilt es Infrastruktur und Transportwege zu verbessern, um die Anbindung an lokale und regionale Märkte zu verbessern, Beratungen anzubieten und auf lokale Gegebenheiten auszurichten sowie Gründungen von Kooperativen und Genossenschaften zu fördern. Auch muss es darum gehen, die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern ohne den Einsatz von Gentechnik zu entwickeln. Durch Agrarforschung, Züchtung und verbesserte Produktionsweisen lassen sich deutliche Effekte erreichen, während Folgen der Gentechnik noch unzureichend bekannt sind und die Abhängigkeit von Kleinbauern von Agrarkonzerne erhöht wird.

Dabei darf sich nicht nur auf die Agrarwirtschaft reduziert werden, sondern es gilt eine integrierte ländliche Entwicklung anzustoßen. Dazu gehört die Schaffung alternativer Einkommensquellen durch Gewerbe und Handwerk, lokalen Handel und Tourismus. Die Herausbildung von Wirtschaftskreisläufen bietet verbesserte Einkommensmöglichkeiten. Zur ländlichen Entwicklung zählt aber auch die Verbesserung der Lebensumstände nicht nur im ökonomischen, sondern auch im sozialen Bereich wie die Verbesserung der sanitären oder der medizinischen Versorgung, ebenso die Berücksichtigung einer ökologischen Nachhaltigkeit.

Natürlich können Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit umfangreiche Veränderungen nicht bewirken – dazu bedarf es entsprechende politische Rahmenbedingungen und Ausrichtung der Entwicklungspolitik – aber dennoch die negativen Wirkungen abschwächen und Verbesserungen von Lebensverhältnissen im lokalen und regionalen Maßstab ermöglichen.

Text von Andreas Bohne

Bild von : Ishmael

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